VORSCHAU.

 

WORT AN DEN TAG

 

Ich glaube an die allmächtige Kraft von Begegnungen.

In Zeiten, wo in der Praxis allem Anschein nach mehr dafür getan wird das Trennende denn das Verbindende zu nähren, ist wie schon so oft gesagt die Kunst dazu prädestiniert hier Hoffnung zu geben.

Man kann es nicht oft genug sagen: Kunst ist frei. Deshalb kann sie verbinden.

 

Glauben, Liebe, Hoffnung- das sind die Elemente, die anscheinend im Alltag keinen Sinn mehr machen. Aber Kunst kann diese Adern des pulsierenden Lebens ständig präsent halten. Sie will und muss es, denn ohne diese Adern würde die Kunst keinen Sinn machen, wäre sie nur eine hohle Phrase oder eben lárt pour lárt..

Kunst und Kultur schaffen uns eine notwendige Pause von der täglichen Tretmühle und von unserem chaotischen und oft vulgärem politischen Alltag und sie ist eine Chance, unsere Phantasie und  Energie zurück zu gewinnen.

 

In der heute zu eröffnenden Ausstellung sehen wir Arbeiten von Elke Pollack aus Berlin und Gotcha Chkhaidze aus Kutaissi in Georgien, die sich in ihrem Abbild von Realität persönlich und im Geiste begegnen.

Wir sehen in ganz unterschiedlichen Techniken und Auffassungen von Malerei, Bilder aus dem Alltag hier in Berlin und dort in Georgien. Menschen, die sich begegnen, verweilen und sich wieder trennen.

Was bei Elke Pollack ein ständiges Kommen und Gehen, permanente Bewegung um sich selbst und die pulsierende Kraft der Stadt abbildet, ist bei Gotcha Chkhaidze der Blick auf die Tradition, auf Menschen in Ruhe und Harmonie, auf überbordende Farbexplosionen und die Ahnung von der Kraft, die auch aus Geschichte und Vergangenheit kommt.

 

Und hier wächst aus  dieser künstlerischen Begegnung eine alte dialektische Erkenntnis: Das Wechselspiel von der Kraft des Alten und der schöpferischen Phantasie des Neuen. In dieser Begegnung liegt die Hoffnung, das Tradition und Moderne in ihrem Wechselspiel unserem Leben immer wieder einen Sinn geben werden.

 

Das Bewusstsein von der Unzulänglichkeit gegenseitigen Verstehens und Kennens stellt eine wesentliche Voraussetzung dar, damit sich Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen entwickeln können.

 

Aber nicht nur hier in Regenmantel am Maisfeld sondern auch in der Geschichte haben die Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien eine über 200jährige Tradition, die zurückgeht auf die Einwanderung schwäbischer Bauern im Jahre 1817. Sie haben damals auch ihre Kultur  in ihr Gastland eingebracht….hoffentlich nicht nur ihren Sparzwang, aber davon kann uns ja Gotcha nachher berichten.

 

Mit dem stetigen Anwachsen der konservativen Kräfte, die sich gegen alles Anderssein abschotten, wird es wichtiger denn je zu erkennen, dass es nur das gegenseitige Kennenlernen, das Fremde zu erkunden, auch Gegensätze wahrzunehmen ist, was uns Menschen die Chance bietet in diesen so komplizierten Zeiten zusammenzuleben.

 

Und die Kunst ist es, die diesen Prozess ganz maßgeblich führen kann. Gegen alle rechte Gewalt und rechtes Geschwätz muss die Kunst verbinden, Austausch schaffen, Phantasie, Hoffnung und Liebe zu der treibenden Kraft unseres Lebens machen.

 

Die Einsamkeit des Individuums, das ohne kollektive Illusionen allein seinem Schicksal gegenüber steht und dazu gezwungen wird, sich in der trockenen, lauten Welt zurecht zu finden, ist zwar ein Prinzip der kapitalen Manipulation, aber eben nicht das Leben, welches uns zu neuen Formen des Miteinander führen wird.

 

Schauen sie auf die Bilder von Elke Pollack und Gotcha Chkhaidze und erkennen sie, was Kunst vermag, welche Hoffnung von ihr ausgeht, welche Kraft sie uns für den Alltag schenkt und auch wie sinnlich und genussvoll unser Leben täglich sein kann. In den Begegnungen mit dem Fremden, in den langen Tafeln mit Speis und Trank, in den Lieder von heute und der Musik aus der Vergangenheit.

 

Sehen wir es wie Franz Josef Degenhardt in einem Lied:

Also kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen

der Hammel ist gar überm Lauch.

Paprika soll uns im Halse brennen

der reife Kartoffelschnaps auch.

Harmonika spielen wir und Trompeten

elektrischen Bass und Schalmei

und werden noch unter den Bäumen liegen

wenn morgens der Nachtvogel schreit.

Es sind nur 300 Meter bis zum Glück. Folgen sie uns zum Pflaumenbau.

 

(Michael Pommerening, im Juni 2019)

 

Worte „Hoffnung Afrika“

 

Vor knapp zwei Jahren haben meine Frau und ich das westafrikanische Land Gambia besucht. Vorrangegangen war diesem Besuch eine Einladung eines Freundes aus Berlin,  der vor über 15 Jahren nach einem Burn out der Stadt und dem Land fluchtartig den Rücken gekehrt und Wort wörtlich über Nacht einen Flug nach Gambia gebucht hatte und seit dem dort lebt. Hier ein erfolgreicher Geschäftsmann hatte er dort in Gambia die Hoffnung noch einmal von vorne anfangen zu können. Inzwischen hatte sich diese Hoffnung durch viel Fleiß und Geschick erfüllt.

 

Damals im Dezember 2016 gingen in Gambia viele Menschen auf die Straßen um den bisher diktatorisch herrschenden Präsidenten Yahaa Yahmee, der das Land über 23 Jahre mit Korruption und Gewalt regierte, abzuwählen. Der neugewählte Präsident Adama Barrow- der erste demokratisch gewählte Präsident des Landes- konnte aber sein Amt nicht sofort nach der Wahl antreten, weil der alte Diktator seinen Platz nicht räumen wollte. Und wieder gingen tausende – vor allem junge Gambier auf die Straße- um den Diktator Yahmee aus dem Land zu jagen. Der Ruf, der damals übers Land fegte lautete „Gambia has decided“  also: Gambia hat sich entschieden.

 

In dieser Situation des Aufbruchs, des Neuanfangs nach 23 Jahren Diktatur, wollte wir das Land besuchen, um einen kleinen Eindruck von der Stimmung und den Gefühlen der Menschen einzufangen. Für Journalisten war es damals noch sehr schwer mit Mikro und Kamera durch das Land zu reisen. Noch zu tief saß die Angst vor Repressalien und Gewalt.

 

Also reisten wir als Touristen auf Einladung eines Freundes.

Diese Reise durch das mit 2 Mio. Einwohnern und einer Fläche von knapp 12.000 qkm kleinste Land Afrikas, führte uns vom Meer, den Fluß Gambia entlang, ins Innere des Landes und zurück.

 

Wir trafen vom Fischer, über die Marktfrau, von jungen Unternehmern bis zum Schamanen Menschen, denen eines gemein war: Die Hoffnung.

Die Hoffnung auf Veränderung für eines der ärmsten Länder Afrikas. Diese Hoffnungen haben wir in Fotos, einem Buch und in einem Film festgehalten.

 

Gambias Bevölkerung ist zu 90 Prozent muslimisch, neun Prozent christlich und etwa ein Prozent gehört traditionellen indigenen afrikanischen Religionen an.

Der Glaube wird im Land eher moderat praktiziert, trotzdem beherrscht er den Alltag- ist die Kultur des Landes.

 

Glaube und Hoffnung sind der Grundpfeiler, auf denen - und nicht nur in Gambia, sich die Menschen stützen, wenn ihnen alles andere versagt bleibt.

 

Hoffnung ist ein in unserer Natur angelegte Bedürfnis, dass  sich die zukünftige Verwirklichung unserer Wünsche und Absichten erfüllt/erfüllen möge.

 

Aber Glaube ist auch das von der Kirche propagierte alleinige Instrument dazu. Hoffnung lässt uns jeden Morgen aufstehen, lässt uns Krankheiten überstehen, ist die Triebkraft dunkle Stunden zu überwinden, ist das Leben überhaupt. Daraus leiten wir auch die Erkenntnis ab, dass es die Hoffnung ist, die zuletzt stirbt.

Die oft als neue Völkerwanderung bezeichnete Situation der letzten Jahre gipfelte in der Schlagzeile:

 

  • Die neue Völkerwanderung − Afrikas Hoffnung verlässt den Kontinent“
  •  

In Gambia -dem Land mit den meisten Flüchtlingen damals -aber motivierte nach dem Sturz des alten Diktators seit 2017 dieser Kampf zwischen Hoffnung und Verzweiflung das Denken und auch das Handeln der Menschen.

 

 

Hoffnung und Träume sind zwei Kinder der gleichen Mutter. Beide haben Wünsche Sehsüchte, aber im Gegensatz zum Traum birgt die Hoffnung die Suche nach einem Weg der Erfüllung, wiewohl der Traum ein Blick ins Nirwana ist und ewig weit weg, nicht mit dem Weg zur Erfüllung bedacht wurde. Aus ihm wird nach dem Erwachen vielleicht eine Hoffnung und daraus wird wieder die Suche geboren. Never ending Story.

 

Aber jede Geschichte ist auch die Geschichte eines Neubeginns.

Und so wollten sich die Menschen in Gambia auf keine philosophischen Erkenntnisse verlassen. Und weil sie sich nicht wieder auf die Hilfe andere einlassen wollten, haben sie ihre Geschicke selber in die Hand genommen, sind wieder auf die Straße gegangen und haben ihr Recht erstritten. Und: es war vor allem die Jugend die diese Proteste angeführt hat.  Angesichts der „Friday for Future“ Bewegung kommt doch allmählich auch bei uns die Erkenntnis, dass der Stein des Anstoßes, die Naivität es ist, die die Welt als ein einfach zu erklärendes Prinzip erkennt. Sich auf die Weisen und allzu klugen zu verlassen funktioniert anscheinend nicht mehr.

 

Und so soll die Ausstellung in den TRAFO Galerien von dem Mut der Menschen in Gambia, von deren Hoffnungen berichten, aber auch den Blick dafür schärfen, dass unsere Hoffnungen immer auch auf die Jugend gerichtet seien sollte. In ihr liegt unsere Zukunft, bei uns im Land, in Afrika wie auf der ganzen Welt.

(Michael Pommerening, April in Regenmantel)

 

 

Worte

 

Je mehr Blätter vom Lebenskalender ins Gras oder den Schnee fallen, um so mehr sammeln sich Einsichten, die für mich letztlich nur in Ideen geronnene Lebenserfahrungen sind.

 

Einer dieser Erkenntnisse ist mein Verhältnis zum Glatten und das ist ein sehr gestörtes Verhältnis.

 

Nein, ich will sie nicht, diese glattgebügelte Welt ohne Ecken und Kanten, ohne Widersprüche und Irrwege, nein ich mag sie nicht diese glatt genormten und nach dem Katalog ausgerichteten süddeutschen Reihenhaussiedlungen real oder nur im Kopf.

 

Nein ich strebe nicht die Perfektion an, denn Perfektionismus ist die größte Gefahr für Fantasie und Kreativität.

 

Der politisch gewollte Konformismus macht weder vor krummen Gurken halt, noch vor einem Denken in vorgegebenen Bahnen.  Er will in unsere Köpfe damit wir schnelle einzuordnen sind in die Karteikästen der vermeintlich politisch korrekten Ja-Sager. Damit sie uns als Herde besser führen können und als Lemminge besser leiten können in ein System indem wir zu allem ja und ahmen sagen unser Kreuz mach an die vorgedachte Stelle.

 

Kunst ist ein Weg ständig das Aufbegehren zu üben und zu praktizieren.

Ist eine Möglichkeit aus dem Dunstkreis der Gartenzwerg-Ideologie auszubrechen, vorgestanzte Wege zu verlassen und eigene zu gehen. Ob gelbe Westen oder die Idee vom Aufstehen, die Sehnsucht der Menschen lässt sich auf die Dauer nicht normieren.

 

Die Formen und Farben, die Figuren und Fragmente von Erika Stürmer Alex sind so, so unkonform, so unschablonierbar, so gar nicht vorgestanzt. Ihre Phantasien über das Leben und die Natur entstehen jeden Tag neu, werden nicht immer Gestalt, aber bleiben Idee, für immer und immer, in ihrem Kopf und in unseren Köpfen auch, wenn wir es wollen. Schön ist eben nicht, was allen gefällt, schön ist was die Idee vom Leben und die Lust am Leben selber reflektiert.

 

Diese Abbilder vom Leben schafft Erika Stürmer-Alex nun schon seit über 50 Jahren.

 

Schon früh hat sie diesen Weg in die Kunst gefunden… als den ihren. Seit sie als Kind aus oderbruchschem Lehm ihre ersten Figuren geformt hat, wusste sie, dass Kunst einmal ihr Leben ausfüllen wird. Und bis heute - hunderte Kunstwerke später-  ist das so geblieben.

 

Heute dagegen hat Schönheit ein immer schnelleres Verfallsdatum. Sie ist ein gnadenlos inszenierter Wettbewerb um gesellschaftliche Ressourcen in immer schnellerem Tempo. Kunst ist zur Ware geworden und hetzt immer schneller durch den Supermarkt der Eitelkeiten. Dabei rückt das Glatte ohne Ecken und Kanten oft ins Zentrum. Wir lesen vom Brasilien Waxing, sehen die Skulpturen von Jeff Koons und halten den Handschmeichler iPhone ehrfürchtig in unseren Händen.

 

Bayun Schul Han (Berliner Philosoph) sieht das so:

Diese glatte Oberfläche des Smartphones ist eine Haut, die nicht verletzbar ist, die sich jeder Verletzung entzieht. Heute entsteht eine Kultur der Gefälligkeit. Das kann ich auch auf die Politik beziehen.

Politiker haben offenbar keine festen Überzeugungen, keine Visionen. Sie schaut auf die Straße, und je nach der Stimmung auf der Straße ändert sie die Meinung. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima ist sie plötzlich gegen Atomkraft. Man könnte auch sagen, sie ist aalglatt. Heute haben wir es tatsächlich mit einer glatten Politik zu tun.

 

Anders bei den Arbeiten von Erika Stürmer-Alex.

Sie erschafft Momente der Verwirrung, Objekte aus Alltagsmüll, malt Farben auch wenn dieses sich beißen, schafft Bilder, die bei jedem Betrachter ihre Ecken und Kanten zeigen und so bei jedem Menschen eine andere Geschichte erzeugen, einen anderen Blick auf die Realität weit weg von Norm und Vorgegebenem.

 

Die Kunst von Erika Stürmer-Alex ist es gerade diese freien Gedanken über das Leben und die Lust am Leben, diese Erfahrung bei jeder Begegnung mit ihrer Kunst neu zu machen. Kein Tag wird wie der andere sein. So wie unsere Erkenntnis über das Leben jeden Tag neu vor unserem Auge erscheint, so ändert die Begegnung mit den Arbeiten von Erika Stürmer-Alex auch jeden Tag unseren Blick auf diese Welt.

 

Mit ihren farbgewaltigen Bildern lässt sie die Sonne in unsere Herzen. Mit ihren ideenreich zusammengefügten Menschenfiguren zaubert sie uns ein Lächeln ins Gesicht und mit ihrer so gar nicht konformen oder uniformen Objekten treibt sie die Phantasie immer wieder in neue Dimensionen.

Oh ja, das alles vermag Kunst. Also was will der so gar nicht glatte, rund geschliffene  Geist, der uns hoffentlich noch erhalten geblieben ist, denn sonst noch.

 

Für alle Unkonformen, Suchenden und Phantasten hier und in den anderen TRAFO Galerien also ein kleiner Einblick in den phantastischen Kosmos von Erika Stürmer-Alex.

 

(Michael Pommerening, Regenmantel im März 2019)

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© Michael Pommerening KunstRegen 2019