Heute geht es in unserer Ausstellung wieder einmal um Theater. Genauer gesagt um Maskentheater. Ulrike Pommerening hat Masken zu einem Stück von Garcia Lorca –„Bluthochzeit“- entworfen und selber hergestellt. Sabine Pommerening hat die Bühne für das Freilichttheater in Netzeband entwickelt. Im August 2020 hatte das Stück dort Premiere.

So wie jedes Theaterstück, jeder poetische Text, Zeit und Geduld braucht, um in sein Inneres, seinen Kern vorzudringen, so ist auch Ulrike sehr geduldig und hat diese Poesie des Theaters für sich entdeckt.

Sie hat erkannt, dass Theater nichts starres ist, sondern sich immer die Frage gefallen lassen muss: Warum spiele ich dieses Stück heute und jetzt? 

Und Fragen stellt der dramatische Text ausreichend, von Aischylos über Shakespeare bis Lorca sind das immer die gleichen von Liebe und Macht, Leben und Tod. Die Figuren dieses ältesten Spiels aller Zeiten taumeln durch Zeit und Raum und suchen nach Antworten.

Ulrike hat diese Masken und ihre Figuren mit Liebe entwickelt liebt. Sie legt diese Liebe in ihre Arbeit, durchdringt selbst die finstersten Charaktere und gibt ihnen die Chance die Herzen der Zuschauer zu öffnen und zu bewegen.

Jeder, der in diese Welt der Figuren, Phantasien und Bilder eintaucht, wird erkennen, dass das Theater lebt, schon mehr als 2500 Jahre und es weiter leben wird, wenn es nur immer wieder von diesem Leben, der Liebe und Leidenschaft, dem Werden und Vergehen und auch den Träumen der großen und kleinen Helden erzählt.

„Bluthochzeit“ ist eine Tragödie von Federico García Lorca. Sie ist die erste lyrische Tragödie des spanischen Autors. Lorca schrieb das Theaterstück 1933.

Eine Braut flieht unmittelbar nach der Hochzeit mit dem schon lange geliebten und längst auch verheirateten Leonardo. Man ahnt es so gut wie die Mutter des Bräutigams, die bereits ihren Mann und den ersten Sohn verloren hat: Alles läuft auf einen blutigen Kampf hinaus- eine blutige Fede.

Garcia Lorca, am 5. Juni 1898 bei Granada geboren geniesst noch heute eine breite Popularität. Vielleicht auch weil er sich immer für die Opfer der Gesellschaft interessierte – für die Tagelöhner, die Frauen, die Sinti und Roma, die man damals noch Zigeuner nannte, für Homosexuelle.

Garcia Lorca stellte das Thema Tradition, überlieferte Normen und starre Verhaltenweisen in den Mittelpunkt seiner Triologie zu der ausserdem noch Yerma und Bernada Albas Haus gehören. In Lorcas Theaterstücken ging es meist darum, wie der Freiheitswille und die Sehnsucht nach der Moderne von den überlieferten spanischen Traditionen behindert werden. Aber dabei wollte er nie politisch sein und den Fortschritt nur durch seine Kunst erreichen.

 

 

Er hat sich damals auch geweigert, sich von den Kommunisten politisch vereinnahmen zu lassen.

Lorca nannte Spanien „das Land, das dem Tod geöffnet ist“: Und so sollte das  für ihn zur bitteren Wahrheit werden. Am 19. August wurde Garcia Lorca von spanischen Faschisten ermordet.

 

Ulrike und Sabine Pommerening haben sich in ihrer Arbeit am Stück „Bluthochzeit“ versucht dieser Zeit damals in Spanien zu nähern. Das Landleben unter der Gluthitze Andalusiens verlangte den Menschen auf dem Land damals oft das Letzte ab. Ihre ganze Kraft, ihren Mut und ihre Liebe legten sie in den Boden, der sie ernährte. Ihre Lieder und Tänzen sind lebendige Zeugen von dieser Liebe und so auch die Theaterkunst von Garcia Lorca.

 

Die Masken von Ulrike Pommerening erzählen von diesem entbehrungsreichen Leben der Menschen damals, aber auch von ihrer Liebe und dem Tod.

Masken begleiten die Menschen durch alle Zeiten. Masken kamen oft an Wendepunkten des Lebens zum Einsatz: Geburt, Hochzeit, Initiation, Krankheit und Tod. Die Magie lag dabei in der Maske selbst. Schon die Herstellung unterlag magischen Zeremonien.

Kunst bringt uns das Unbekannte, Geheimnisvolle, das Fremde näher. Manchmal hart und unerbittlich, manchmal liebevoll und tröpfchenweise.

Denn das ist Theater für alle, die es ernst und mit Humor nehmen, ein Spiel vom Leben, der Liebe und den Hoffnungen durch die Zeiten und Räume unseres Seins und des Universums.

 

Schauen sie in die Gesichter der Masken. In ihnen spiegelt sich der Wunsch der Menschen Erfüllung zu finden auf der Suche nach Wahrheit in ihrem Leben und ihrer Geschichte, die durch das Theater bewahrt und weitergeschrieben wird

 

Und so möchten wir  ihnen diese eine Idee, gegen alle digital verliebten – und kunstgeringschätzenden mit auf den Weg geben: Erhaltet und bewahrt diese eure Geschichten, denn nur sie werden euch überdauern und von euch erzählen, wenn ihre schon lange nicht mehre durch die irdischen Gärten wandelt. Und deshalb bleibt wahr, was unverzichtbar ist: THEATER MUSS SEIN !

 

Basta!

Und viel Spass beim Entdecken und Nachdenken.

 

Regenmantel, Juni 2021

 

 

 

Worte zur Ausstellung

 

Es ist schier unmöglich e i n Phänomen umfassend und geschichtlich sowie sozial  konkret und korrekt zu fassen. Dieses Phänomen heißt FRAU.

 

In der Wissenschaft wird in Hinblick auf die Entwicklungsgeschichte meist von sogenannten Archetypen Frau gesprochen. Da gibt es Einteilungen, Kategorien, Phänoanalyse und vieles mehr an sinnigem und manchmal auch unsinnigem.

Aus den Mythen und Heldengeschichten von der Antike bis heute wurde dieses Phänomen an den sogenannten Archetypen festgemacht: da ist die Heldin, die Abenteurerin, die Kritikerin, die Mütterliche, die Kriegerin oder Rebellin, die Weise, oder die Brückenbauerin.

 

Alles Archetypen, oder vielleicht auch nur Schubladen, in die sie aber oftmals gar nicht reinpasst oder reinpassen will – die Frau.

Frauen wie Männer tragen das weibliche und das männliche Element in sich. Und beide Geschlechter sind aufgrund ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und familiären Prägung immer noch auf das männliche Prinzip geeicht, das bisher in Erziehung, Schule, Wirtschaft und Gesellschaft Priorität hatte.

 

Erste Erwähnung in der Geschichte der Rollenverteilung bekamen bei den alten Griechen die Amazonen. Knapp 1.000 Jahre fanden sie bei den Griechen Erwähnung. Sie galten als die Töchter des Kriegsgottes Ares, waren bewaffnet, galten als die ersten Menschen die Pferde ritten und wurden wegen ihres Mutes wie Männer geachtet.

 

So zieht sich ein Frauenbild durch die Geschichte, dass sie als Kämpferin zeigt, als Mutter, als Seherin, als Königin, als Hohepriesterin, als Sklavin.

Und so hat die Geschichte sich an diesen Archetypen abgearbeitet und doch kein klares Bild von der Rolle der Frau entworfen. Bis heute ist das weibliche Element ein Mysterium geblieben. Gestraft und geachtet, gehasst und geliebt, begehrt und beleidigt.

 

In den Kirchenschriften des Mittelalters etwa hieß es:

Frauen sind labil, führen andere in Versuchung, sind zänkisch, herrisch und stets bemüht den Mann zu unterjochen und ihn jeder Lebensfreude zu berauben. Frauen sind für den Mann erschaffen worden und haben sich ihm deshalb zu unterwerfen . Von Natur aus minderwertig, sind sie dem Mann körperlich und geistig unterlegen“.

 

Angesichts solcher bizarren Entgleisungen von hauptsächlich kirchlichen Würdenträgern vom Mittelalters bis in unsere Tage - hier natürlich etwas wohlfeiler, in der Wortwahl geschliffen- versteht man doch zu gut die kämpferischen Breitseiten einer emanzipatorischen Frauenbewegung bis hin zu den umstrittenen Gendersternchen und holprigen Korrektheit der Nachrichtensprecher*in (!).

 

Dies alles und noch viel mehr, mag der Künstlerin durch den Kopf gehen, von der wir heute hier eine kleine Auswahl an Arbeiten zeigen wollen.

Anna Grau, geboren 1980 in Moskau und als Deutschrussin 1995 nach Berlin umgesiedelt, hat sich genau dieses Themas angenommen.

 

Zu ihrem „Lilith“ Zyklus sagt sie selber: „Die Idee zum ‚Lilith‘-Zyklus entsprang dem Wunsch, das aus männlicher Perspektive‚ angstmachende weibliche Element’ in einer Frau symbolhaft und emotional überhöht zu bearbeiten und auf die Leinwand bringen.

Für mich schwingt in den Frauen, die dieses Element in sich tragen, das Bild der frühgeschichtlichen Lilith mit: Lilith die Unruhestifterin, die Ungehorsame, die Provokateurin, die Andersdenkende, die Emanzipierte, die Androgyne, die Ausgestoßene, die Abstoßende — und doch zugleich die immerfort Lockende!

 

Hier ist es auf den Punkt gebracht, was Kunst vermag. Symbolen als Kraft des Mythischen, als Abbildung von Ideen, Vorstellungen, Träumen und Ängsten eine Gestalt zu geben. Hier mischt sich Reales und Mythisches mit einer Bildgewalt, die uns beim Betrachten in Atem hält. Die Frau als Ursprung der Natur, das Ying und Yang in Einem, mal Göttin und mal Hexe verkörpert sie die Kraft und einen nie versiegenden Lebenswillen.

 

Und man spürt beim Betrachten der Bilder diese tiefe Melancholie, die Anna Grau in sich trägt. Eine Melancholie die uns mitnimmt in ihre Welt aus Träumen und  Visionen. Die uns das Bild einer Frau vermittelt, die tief im Inneren vielleicht auch täglich diesen Kampf der Frauen mitlebt, durchlebt, diesen Kampf zwischen Göttin, Seherin und Hexe.

 

Das Himmlische und das Verruchte, zwischen diesen beiden Antipoden nimmt das bis heute ungeklärte Phänomen Weiblichkeit täglich erneut seinen Weg auf um zu klären, was nicht zu klären ist: Denn schon in der Bibel heißt es: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie“.

 

Also stellt sich gerade heute zum Osterfest immer wieder die Frage aller Fragen:

                         

                                         Ist Gott eine Frau?

 

Schauen sie selbst.

 

Michael Pommerening      

(Regenmantel im Corona März 2021)

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© Michael Pommerening KunstRegen 2019