Worte zur Ausstellung

 

Es ist schier unmöglich e i n Phänomen umfassend und geschichtlich sowie sozial  konkret und korrekt zu fassen. Dieses Phänomen heißt FRAU.

 

In der Wissenschaft wird in Hinblick auf die Entwicklungsgeschichte meist von sogenannten Archetypen Frau gesprochen. Da gibt es Einteilungen, Kategorien, Phänoanalyse und vieles mehr an sinnigem und manchmal auch unsinnigem.

Aus den Mythen und Heldengeschichten von der Antike bis heute wurde dieses Phänomen an den sogenannten Archetypen festgemacht: da ist die Heldin, die Abenteurerin, die Kritikerin, die Mütterliche, die Kriegerin oder Rebellin, die Weise, oder die Brückenbauerin.

 

Alles Archetypen, oder vielleicht auch nur Schubladen, in die sie aber oftmals gar nicht reinpasst oder reinpassen will – die Frau.

Frauen wie Männer tragen das weibliche und das männliche Element in sich. Und beide Geschlechter sind aufgrund ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und familiären Prägung immer noch auf das männliche Prinzip geeicht, das bisher in Erziehung, Schule, Wirtschaft und Gesellschaft Priorität hatte.

 

Erste Erwähnung in der Geschichte der Rollenverteilung bekamen bei den alten Griechen die Amazonen. Knapp 1.000 Jahre fanden sie bei den Griechen Erwähnung. Sie galten als die Töchter des Kriegsgottes Ares, waren bewaffnet, galten als die ersten Menschen die Pferde ritten und wurden wegen ihres Mutes wie Männer geachtet.

 

So zieht sich ein Frauenbild durch die Geschichte, dass sie als Kämpferin zeigt, als Mutter, als Seherin, als Königin, als Hohepriesterin, als Sklavin.

Und so hat die Geschichte sich an diesen Archetypen abgearbeitet und doch kein klares Bild von der Rolle der Frau entworfen. Bis heute ist das weibliche Element ein Mysterium geblieben. Gestraft und geachtet, gehasst und geliebt, begehrt und beleidigt.

 

In den Kirchenschriften des Mittelalters etwa hieß es:

Frauen sind labil, führen andere in Versuchung, sind zänkisch, herrisch und stets bemüht den Mann zu unterjochen und ihn jeder Lebensfreude zu berauben. Frauen sind für den Mann erschaffen worden und haben sich ihm deshalb zu unterwerfen . Von Natur aus minderwertig, sind sie dem Mann körperlich und geistig unterlegen“.

 

Angesichts solcher bizarren Entgleisungen von hauptsächlich kirchlichen Würdenträgern vom Mittelalters bis in unsere Tage - hier natürlich etwas wohlfeiler, in der Wortwahl geschliffen- versteht man doch zu gut die kämpferischen Breitseiten einer emanzipatorischen Frauenbewegung bis hin zu den umstrittenen Gendersternchen und holprigen Korrektheit der Nachrichtensprecher*in (!).

 

Dies alles und noch viel mehr, mag der Künstlerin durch den Kopf gehen, von der wir heute hier eine kleine Auswahl an Arbeiten zeigen wollen.

Anna Grau, geboren 1980 in Moskau und als Deutschrussin 1995 nach Berlin umgesiedelt, hat sich genau dieses Themas angenommen.

 

Zu ihrem „Lilith“ Zyklus sagt sie selber: „Die Idee zum ‚Lilith‘-Zyklus entsprang dem Wunsch, das aus männlicher Perspektive‚ angstmachende weibliche Element’ in einer Frau symbolhaft und emotional überhöht zu bearbeiten und auf die Leinwand bringen.

Für mich schwingt in den Frauen, die dieses Element in sich tragen, das Bild der frühgeschichtlichen Lilith mit: Lilith die Unruhestifterin, die Ungehorsame, die Provokateurin, die Andersdenkende, die Emanzipierte, die Androgyne, die Ausgestoßene, die Abstoßende — und doch zugleich die immerfort Lockende!

 

Hier ist es auf den Punkt gebracht, was Kunst vermag. Symbolen als Kraft des Mythischen, als Abbildung von Ideen, Vorstellungen, Träumen und Ängsten eine Gestalt zu geben. Hier mischt sich Reales und Mythisches mit einer Bildgewalt, die uns beim Betrachten in Atem hält. Die Frau als Ursprung der Natur, das Ying und Yang in Einem, mal Göttin und mal Hexe verkörpert sie die Kraft und einen nie versiegenden Lebenswillen.

 

Und man spürt beim Betrachten der Bilder diese tiefe Melancholie, die Anna Grau in sich trägt. Eine Melancholie die uns mitnimmt in ihre Welt aus Träumen und  Visionen. Die uns das Bild einer Frau vermittelt, die tief im Inneren vielleicht auch täglich diesen Kampf der Frauen mitlebt, durchlebt, diesen Kampf zwischen Göttin, Seherin und Hexe.

 

Das Himmlische und das Verruchte, zwischen diesen beiden Antipoden nimmt das bis heute ungeklärte Phänomen Weiblichkeit täglich erneut seinen Weg auf um zu klären, was nicht zu klären ist: Denn schon in der Bibel heißt es: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie“.

 

Also stellt sich gerade heute zum Osterfest immer wieder die Frage aller Fragen:

                         

                                         Ist Gott eine Frau?

 

Schauen sie selbst.

 

Michael Pommerening      

(Regenmantel im Corona März 2021)

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© Michael Pommerening KunstRegen 2019